Dienstag, 28. Januar 2014

Sammlung: Generation/Das besondere Leben

Im Taxi weinen.
Oh das Leben ist nur eine Vergänglichkeit, sagt der besoffene Typ im Taxi. „Wohin solls gehen?“ „Irgendwo Nachhause“ „Jetzt reiß dich mal zusammen. Wo soll dein beschissenes Zuhause sein?“ „Fahr einmal durch die Stadt und lass mich irgendwo ab. Bitte“ „Scheisskerl. Wenn du mir den Scheiss nicht bezahlst endest du unter meinem Auto und es wird eh keinen interessieren, Zuhause hast du ja nicht“ „Aha.“ Der Mann im Taxi fuhr die Straßen entlang, die er über die Jahre belaufen, bekrochen, berollt, belacht und bespuckt hat. Oh, dachte er sich, Oh so ein Scheißleben in meinem Kopf und ich verstecke mich vor meinem Gedanken in den Armen von Frauen und Freunden, die mich hassen für jeden Gedanken, den ich in ihnen vergrabe. Die Stadt stank nach Neueweltmüll und nassen Hemden, Sie stank nach deinen Klamotten auf deiner Haut, Flaschen mit Koriander und Pizza aus allen Ecken. Mist, wenn du den Menschen ihre Träume raubst, oh, bitte lass mich einfach wieder in Ruhe. Das Gewirr in dieser Stadt ist an einigen Tagen immer noch so groß und bis jetzt hast du es mir irgendwie doch immer erklären können. Irgendwie. Oh, Irgendwie haben die Dinge ja schon funktioniert, und wenn Dinge ja einfach irgendwie angefangen haben, wieso wollen wir jetzt, dass sie richtig werden. Irgendwie kriegen wir es wieder hin, oder? Irgendwie, wirst du mir fehlen.
Das Taxi bog links ab, an deinem Zuhause vorbei und nochmal rechts, weg von dir. Der Taxifahrer guckt angewidert voll Wut in den Rückspiegel und sieht einen jungen Mann, der es einfach nicht mehr hinkriegt sein Leben mit Füßen zu besteigen. Er sieht einen jungen Mann, dem alle Türen offen stehen, der aber an einer Tür klopft, die nicht für ihn bestimmt zu sein scheint, und all das, dieser Mann, er fängt ihn an zu hassen. Für alles was er für alle aufgibt.
Oh, denkt sich der Mitfahrer, das Leben wirft uns manchmal ein Stückchen zurück, und trotzdem denken wir, wir kommen immer weiter, aber manchmal oh scheisse, scheint es so, als wär das Leben ein Laufband nach hinten und wir kommen nur voran, wenn wir schneller als das Leben sind. Doch das heißt nicht nur gegen den Menschenstrom zu laufen, sondern auch gegen sein Leben. Und vielleicht sind wir eben nicht unser Leben, sondern der Kampf dagegen. Metamorphose mit Leben, heißt sich auflösen im Leben, heißt Homogenität heißt vielleicht Bedeutungslosigkeit. Zumindest renne ich vom Leben weg, dachte er sich. Oh, Glück ist gesunken.
Der Taxifahrer hört gelangweilt den kranken Monologen zu, ist angetan von der Selbstgefälligkeit und den Attitüden. Heute fehlen ihm keine Worte, aber die Lust sie zu verwerfen. Die Monologe drehen Kreise und sind nie weiter gekommen als zum Punkt, dass das Leben nicht mit ihm spielt. Nicht gegen ihn. Nein, das Leben spielt nicht mehr und Oh, das tut den Menschen weh.
Ich denke mir, Oh, das bringt die Zeit ebenso mit. Was will die Zeit jetzt von mir? Was hat die Zeit mit uns gemacht?
Vielleicht wirst du es mir nie glauben, aber du bist ziemlich oft in meinem Kopf. Vielleicht wird es jetzt überhaupt nichts bringen, aber ich hab noch genau so viele Fragen, wie am ersten Tag, genauso viel zu sagen, genauso viel gefühlt, heute und jeden Tag. Oh, in meiner Geschichte ist ein riesiges Loch, ich werde nie aufhören können zu schreiben, und nie wird es irgend einen Sinn machen, denn Oh, ich bin so voller Löcher und nirgendwo ist nirgendwas was irgendwie , oh irgendwie, irgendwas füllen könnte.
Die Nacht reicht aus um die Stadt einmal zum umrunden, mehr oder weniger, irgendwie, kreuz und quer hat man alles gesehen was man sehen wollte. Wir drehen runden um Fragen, die beweisen, dass uns zu viel fehlt.Oh. Es fehlt so viel, aber vielleicht brauchen wir nur noch ein Stück, bis zu dem Punkt, wo wir anfangen, etwas zu kriegen. Was kann mich hier noch berühren? Ich hab alles probiert was Sinn machen könnte, aber denke immer noch, dass wir ziemlich sinnvoll waren.
Oh, denkt sich der Schwachkopf im Taxi weinend. Oh, denkt er sich. Du wolltest nie wieder zu sehen wie ein Leben in tausend Scherben zerfällt. Hier sind die Scherben eines Lebens, das uns zusammen noch brauchen könnte. Weil Menschen nicht für immer bleiben. Aber vielleicht kommen wir irgendwann an. An einem Ort, der Sicherheit verspricht, denn diese Welt hat aufgehört zu sprechen. Wo sind wir Zuhause? Mein Taxi findet den weg nicht. Wo führt uns das Leben hin, wenn es keinen zusammen bringt? Oh. Ich sitze allein im Taxi, denn der Fahrer, den es vielleicht nie gab, selbst der hat mich verlassen. Die Nacht verblasst in den Tag hinein. Das Taxi stinkt nach schlecht gewordener Billigfanta und die Buchseiten meines letzten Buches liegen neben mir, auf dem Beifahrersitz, zerknickt. Und einige Wörter habe ich durchgestrichen, weil sie nicht mehr gepasst haben. Weil sich das die Autoren vielleicht auch wünschen. Dass sie ein Buch schreiben, das andere sich passend machen. Jetzt passt es. Der Rückspiegel ist eigentlich schon lange kaputt, hier durch sieht niemand was. Das Radio spielt nur noch die selben Songs, Antenne verbogen, was läuft ist deine Cd. Ich bleibe stecken in 2013, das ist gar nicht so lange her, aber seitdem ist in diesem Auto niemand mehr viel gefahren.

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